Diakoniehilfe.de

Am 24. August 2015 erschien folgender Artikel über die Arche Visqurad-Ostfriesland auf der Homepage der Homepage der Diakoniehilfe.de 



Ein schöner Artikel, der einen der die Entwicklung der Arche und den jetzigen Stamd im Sommer 2015 sehr realistisch widerspiegelt.


Ein Haus voller Kinderlachen

 

Jeden Donnerstag gehört das Gemeindehaus in Visquard den „Arche-Kindern“ 

Aus der Küche klingen fröhliche Kinderstimmen. Es duftet nach Backofenkartoffeln und Hühnchen. Auf dem Himbeertraum, den es zum Nachtisch geben soll, werden gerade die letzten Früchte verteilt. Es ist Donnerstagnachmittag, Arche-Tag in Visquard. Seit fünf Jahren bietet die evangelisch-reformierte Gemeinde in der kleinen ostfriesischen Gemeinde diesen Treffpunkt für Mädchen und Jungen im Alter von fünf bis elf Jahren an. 

Wer „Arche“ hört, denkt schnell an gleichnamige Projekte in Hamburg und Berlin, an triste Betonwüsten, trostlose Hochhaussiedlungen, Verwahrlosung, Anonymität. Ganz sicher aber nicht an das üppige Grün einer Dorfwiese, an deren Rand sich ein Bach vorbeischlängelt, an Obstbäume, Schafe und den Wind, der den salzigen Duft vom Meer herüberträgt. Doch auch in Visquard ist die Zeit nicht stehengeblieben. „Es fehlen Betreuungsmöglichkeiten und Hausaufgabenhilfe für die Kinder, deren Eltern ganztags berufstätig sind - das ist auf dem Land viel schwieriger als in der Großstadt. Und natürlich gibt es auch hier Kinder, die zu Hause nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen“, erzählt Pastorin Heike Schmid. „Aber unsere Arche wendet sich mit ihrem Angebot an alle Kinder von Visquard und den umliegenden Gemeinden, und tatsächlich kommen sie aus ganz unterschiedlichen familiären Strukturen.“ Die Arche ist für die Kinder ein Ort, an dem etwas los ist, wo es spannende Angebote gibt, einen Nachmittag mit Freunden und Erwachsene, die richtig viel Zeit für sie haben. „Uns ist es wichtig, möglichst viele Ehrenamtliche dabei zu haben, um den Kinder intensive 1:1-Gespräche zu ermöglichen“, sagt die Pastorin, die gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern auch immer wieder ein abwechslungsreiches Programm für die Arche-Kinder auf die Beine stellt: Sie fahren in den Kletterwald oder ins Mitmachmuseum nach Aurich, machen Picknicks oder Ausflüge ins regionale Umweltzentrum „Ökowerk“ in Emden. Und auch die Vereine und Institutionen der Region werden mit ins Boot geholt. Einmal im Monat kochen die Arche-Kinder zusammen, und dazu gehört auch, über die Lebensmittel zu sprechen. Denn selbst auf dem Land ist es für viele Kinder nicht mehr selbstverständlich zu wissen, woher ihre Nahrung kommt. Wachsen Kartoffeln auf dem Baum? Woher kommen die Himbeeren für die Nachspeise, ehe sie im Gefrierbeutel landen? Wie riecht Zitronenmelisse? Ehe sie verarbeitet werden, nehmen die Kinder die Zutaten - möglichst regional und saisonal - unter die Lupe. 

Der Erfolg hat viele Väter, sagt man. In diesem Fall aber gibt es einen, der ganz konkret den Anstoß gegeben hat: Wolfgang Hildebrandt. Frisch im Ruhestand war der ehemalige technische Leiter der Werft Nordseewerke in Emden, auf der Suche nach einer neuen Aufgabe und wollte ganz konkret etwas für Kinder tun. „Mit diesem Anliegen hat er sich an mich gewandt“, blickt Heike Schmid zurück. „Da hat mir der liebe Gott einfach jemanden auf die Türschwelle gestellt“, lacht sie. „Ich wusste zwar noch nicht, was daraus werden sollte, aber mir war klar, dass ich mir diese Chance nicht entgehen lassen wollte.“ Den Ausschlag zur Gründung der Arche schließlich gab ein TV-Beitrag über die Arbeit der Arche in Hamburg-Jenfeld. „Da dachte ich: ‚Das machen wir auch.“ Durchschnittlich zehn bis 15 Kinder kommen regelmäßig zur Arche in Visquard. Eine, die selbst Arche-Kind war und sich jetzt ehrenamtlich engagiert, ist Sina. „Ich habe es genossen, hierher zu kommen, und es macht mir Spaß, jetzt hier zu helfen“, sagt sie. Als die Grundschule im benachbarten Pewsum eine Ganztagsbetreuung bis 15.30 Uhr anbot, war für Heike Schmid klar: Das ist das Ende der Arche. „Aber die Kinder flitzen vom Schulbus aus direkt hierher“, sagt sie strahlend. „Das zeigt uns, wie gern sie dieses Angebot annehmen.“ Die Arche habe keineswegs einen missionarischen Auftrag, betont sie. „Wir möchten einfach da sein für die Kinder. Gleichzeitig erleben sie Kirche als verlässlichen Ort. Und das ist uns wichtig.“ 

Mittlerweile haben auch die Senioren in Visquard erkannt, wie schön ein solcher regelmäßiger Treffpunkt ist. Jeweils dienstags versammeln sie sich zum Mittagstisch „Pott up Füer“, was auf hochdeutsch so viel heißt wie „Topf auf dem Herd“. Und weil es viel netter ist, in einer großen Runde zu essen, kochen sie für die Kinder des benachbarten Kindergartens gleich mit. „So finden die Generationen zusammen - und beide Seiten genießen das“, weiß Heike Schmid. Denn Geselligkeit, das Gefühl, gut aufgehoben und geborgen zu sein, ist keine Frage des Alters - und in Visquard auch nicht anders als in Berlin. 

            

Anke Brockmeyer ist freie Journalistin und Autorin